Wagner und seine Verehrer

Programmtext zum Wiesbadener Orgelsommer

Alle pilgerten nach Bayreuth. Bereits zu den ersten Festspielen 1876, im unter windigen finanziellen Umständen frisch erbauten Haus auf dem Grünen Hügel, waren auch zahlreiche französische Komponisten zu Gast, darunter Charles-Marie Widor. In den folgenden zwei Jahren entstand unter anderem seine VI. Symphonie, die laut Albert-Schweitzer teilweise direkt von den Ring-Aufführungen in Bayreuth inspiriert ist.
Im Jahre 1888 waren gleich zwei der heute im Konzert zu hörenden Komponisten in Bayreuth zu Gast: der ‚Teenager‘ Max Reger und der bereits mit dem Rompreis ausgezeichnete, aufstrebende Claude Debussy. Gegeben wurde in diesem Jahr: ‚Parsifal‘ unter Felix Mottl und die ‚Meistersinger‘, dirigiert von Hans Richter. Reger äußert sich später zu diesem Erlebnis: „Als ich als 15jähriger Junge zum erstenmal in Bayreuth den Parsifal gehört habe, habe ich 14 Tage lange geheult, und dann bin ich Musiker geworden.“
Debussy hatte sich früh auch studierenderweise mit Wagners Partituren, insbesondere Tristan und Isolde, beschäftig. Man kann sein Verhältnis zu ihm als sicher als eine Art Hassliebe bezeichnen. „Debussy hatte einen doppelten Kampf zu führen: gegen die Schulautoritäten (am Pariser Conservatoire, wo er studiert hatte), die ihm den Zugang zu Wagner verboten, und gegen Wagner selbst, der ihn daran hinderte, zu seinem eigenen Stil zu kommen“ (Theo Hirsbrunner) Debussy äußert sich als Kritiker spöttisch über Wagners Leitmotivtechnik, aber er grenzt sich auch selbstreflexiv ab: „Ich fühle mich nicht versucht, das nachzuahmen, was ich an Wagner bewundere. Ich konzipiere eine andere dramatische Form: die Musik beginnt dort, wo der Ausdruck des Wortes am Ende ist: die Musik ist für das Unaussprechliche gemacht; ich möchte, dass sie den Anschein hat, aus dem Schatten zu treten, und dass sie, zeitweise, dorthin zurückkehrte; dass sie immer diskret wäre.“ Auch wenn sich diese Äußerung auf seine Oper ‚Pelleas und Melisande‘ bezieht: das ‚Diskrete‘, ‚Unaussprechliche‘ gilt sicher auch für seine Préludes, denen er Titel nur in Klammern und mit ‚Gedankenpunkten‘ hintenanstellt.
Olivier Messiaen, für den Debussy selbst vielleicht das wichtigste Vorbild war, bezeichnet Wagner als einen seiner musikalischen Vorfahren. Stark beeinflusst hat ihn die Leitmotivtechnik. Messiaen hat ebenso wie Wagner, anders als wiederum Debussy, mit dem Komponieren von Musik ein starkes, durchaus auch sehr konkretes Mitteilungsbedürfnis verbunden, wie wir etwa an seinem Versuch, ein allgemein gebräuchliches Tonalphabet, seine „Langage communicable“ zu installieren, sehen können. Auch die Vögel, deren Gesänge er vertont, sind für ihn ein ‚lebendes Leitmotiv‘. Der Kuckucksruf, den wir neben der Nachtigall und der Amsel in seiner Communion aus der Pfingstmesse hören, wäre dann sozusagen das kürzestmögliche Leitmotiv, bestehend aus zwei Tönen.
Was hat nun Bach in diesem Programm zu suchen? Abgesehen davon, dass Karl Straube, dessen Bach-Fassung wir hier hören, als Freund von Wilhelm Furtwängler oft dessen Aufführungen in Bayreuth gehört hat: Es gibt viele Beziehungen zwischen Wagner und Bach, in manchen Dingen, in aller Vorsicht, vielleicht eine Art musikalischer Verwandschaft. Wir kennen Wagners Experimentierlust mit neuartigen, ‚besseren‘, perfekteren Instrumenten, die Vorliebe für eine starke Grundtönigkeit und ausgetüftelte Mischklänge. Auch Bach hat, nach allem was wir wissen, nach neuen Klängen, Gravität und harmonischer Mischfähigkeit der Klänge gesucht – und auch so instrumentiert, etwa in der Matthäuspassion. Hätte ihm Wagners Musik, auch in ihrem Drang, außermusikalische Inhalte nicht nur musikalisch zu illustrieren oder gar nur zu untermalen, sondern wirklich und tatsächlich ‚auszudrücken‘, gefallen? Die Matthäuspassion übrigens hat Wagner sich, während er den Parsifal komponierte, immer wieder vorspielen lassen. Man meint etwa, Anklänge des Chorals ‚O Lamm Gottes unschuldig‘ aus dem Eingangschor im Abendmahlsthema des Parsifalvorspiels, auf die Worte „Nehmet hin meinen Leib, nehmet hin mein Blut“, wiederzuerkennen.
Dieses Abendmahlsthema soll auch die Werke diese Programms sinnfällig verbinden (Bach-Choral, Parsifal, Regers Benedictus, Messiaens Communion). Und auch Wagners höchst sensible, geradezu impressionistische Naturschilderungen aus dem Karfreitagszauber finden Nachhall etwa in dem Debussy-Prelude, das eine nächtliche geheimnisvolle Szene Szene beschreibt oder in Messiaens Schilderung der Vögel und Quellen.

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